Januar - Juni
2019
Als das Mehr zu viel wurde,
geriet die Erde aus der Bahn –
und doch geschah das schier Absurde,
die Menschheit durfte weiterfahr’n.
Die Sehenden
Wenn Sehende die Augen schließen, dann stets aus Angst, dass Wirklichkeit erlischt. Aus Unglauben, dass dieses derbe Leben so voll und ganz ein Teil von ihnen ist. Sie sehen, doch sie wollen nicht. Und tief in düstrer Ecke jedes Herzens wohnt jämmerlich die Dunkelheit, denn keine Menschlichkeit erspäht ihr Licht. Wie auch? Sie ist schrecklich, eklig, gierig, …, höhnisch, teuflisch, neidisch oder schlicht böswillig gestrickt.
Da schließ ich lieber meine Augen und laufe zügig weg, in blinder Hoffnung, dass ein unbändiger Wunderglaube mir den Teufel aus der Seele bricht. Geboren sind Entzweiung, Zerwürfnis und somit die Spaltung. Erfunden ist der Dualismus und alles, was dem Sein entspricht, ist nun arglos aufgeteilt, zwischen ich bin gut und er ist’s einfach nicht.“
Januar 2019
Realization
That clear and simple moment,
when the scales fall from your eyes—
you know it all means nothing,
yet: “I exist.” You realize.
März 2019
Das Ego
Das Ego treibt durch dunkle Nacht,
zum Dienste seiner Eitelkeit,
ein Einhorn, das von Zeit zu Zeit
die And’ren etwas stutzig macht.
„Beeindruckendes Fabeltier!“,
verbürgt des Egos Untertan.
Verdienen wird er nichts daran,
dank rücksichtsloser eigner Gier.
„Ein Arschloch!“, sagt die Arroganz,
oh, aufmüpfiger Kavalier,
geballter Unmut stürmt zu mir,
auf Messers Schneide führt der Tanz.
Doch Ich bin Ich! Der Stolz muss raus.
Erbärmlich weicht die Ängstlichkeit.
Kein Weg, kein Mehr ist mir zu weit –
„Bravo!“, donnernd fällt Applaus.
Verloren ist die Wirklichkeit,
denn Tun nach Tun hat nichts getan,
unsterblicher Erfüllungswahn
verdichtet einzig Dürftigkeit.
Das Ego bricht aus eigner Hand,
kaputt, okay, lief gut soweit.
Doch wer zerbricht die Eitelkeit
im egolosen Niemandsland?
Das Kumbaya fällt clever ein,
verschlingt‘s doch kühle Einsamkeit,
im Leichtsinn wird das Herz entzweit,
verflixter Karnevalsverein.
Erneut verloren grüßt das Ich
aus dumpfer, farbenfroher Welt,
vereinigt unterm Himmelszelt,
gemeinsam einsam, fürchterlich.
Zurück zum Streben geht’s sogleich,
der Buckel krumm, die Wahl ein Spiel.
Zurück ist Alt, doch neues Ziel.
Die Schminke? – wieder totenbleich.
Und wieder Mal, zehntausend Mal,
das gleiche endlose Gedicht:
Die Erdenpredigt ruft „Verzicht!“,
„Ein letztes Mal!“ die Höllenqual.
Verzweiflung breitet innerlich
sich aus und bittet dramavoll,
im sturen Ärger, was das soll,
um Hilfe Gottes – also mich.
Und wieder Mal, wie’s erste Mal,
das gleiche endlose Gedicht:
Du bist – ob Einsicht oder nicht,
das Einhorn und der Buckelwal.
März 2019
Der Geigenspieler
Die Stille bricht. Im kultivierten Saal
verfliegt die Spannung eines unbewusst
erfüllten Publikums. Die schiere Zahl
verbietet schändlichen Gesichtsverlust.
Doch jeder Millimeter eines glatt
polierten Ebenholzes entfacht
die Möglichkeit, die jedem Finger naht,
den Heldentod zu finden, in der Schlacht.
Und sanft zertrümmert Eitelkeit die Kraft
der zarten Lieder. „Ach, welch Präzision“,
versichert eifrig noble Hörerschaft,
„Ein Hochgenuss! Welch Emotion.“
Von überschwänglicher Kritik geehrt
der eigenen Musik zuwider, froh,
man lebe hoch – in Hochmut, unversehrt.
Der Schein verneigt sich selbst: „Chapeau!“
April 2019
Notre-Dame
Il faut le faire. Il faut la construire.
Mais pourquoi? C‘est juste une vie menée,
une vie de peur, de faim, de s’amuïr
et de la foi, qui nous a condamné.
Debout, les gars! Allez, allez, vas-y!
Tailleur de pierre, maçon et charpentier
c’est pas pour vous, c’est pour la bourgeoisie.
À vous le reste. Les miettes. – Quelle pitié!
Ce dur labeur, qui serre la tête entière,
qui nous abat, pour faire réaliser,
qu’un mur hissé suffit comme seule prière,
que l’indulgence commence à s‘épuiser.
Et à la fin, c’est juste un souvenir,
caché dans chaque pierre de notre Dame,
mon dieu n’est pas l’église ou l’avenir,
c’est moi, moi-même. Respire – mon âme.
15 April 2019
Was dann?
Das Lechzen, ein ungestüm wildes Verlangen,
regt Reichtum zu maßlosen Ausgaben an.
Doch Reichtum erweckt ein geständiges Bangen:
Wenn alles gekauft ist, was kauf ich denn dann?
Die Arbeit verrichtet als ewige Plage,
für göttlichen Halt im Teufelsgespann –
erschöpft tritt die Einsicht allmählich zutage:
Wenn alles gemacht ist, was mach ich denn dann?
Ziele, die Zukunft, unbändige Triebe –
Begierden befriedigen niemals den Zwang.
Den Zwang, den ich eisern und innig bekriege:
Wenn alles erreicht ist, was reicht mir denn dann?
Berühmtheit entführt, in prachtvollen Träumen,
die Zeit des Entsinnens, als alles begann.
Als Fülle entstand mit der Angst zu versäumen,
als trachtendes Leben, knapp, dem Tode entrann.
Mai 2019
Der Rechtschreibfeler
„Großer Fehler!“ kaum zu fassen.
Alle lachen unbeschwert.
Traurig, wie die Menschenmassen,
ihn bestimmen, ihren Wert.
Sele hat ein „e“ zu wenig,
Tieger hierfür eins zu viel.
„Falsch!“ zudem noch „Unerklärlich!“,
Ignoranz ist Bildungsziel.
Bstachuebn vretauhsct, bgrebaen,
Wrote whcelesn wlid den Snin.
Leree Nteon, Shcluafubegan,
leer die Bliundg oenhihn.
Schreib dem Vorurteil entgegen,
schreib der Weitsicht hinterher,
schreib, sei du, sei nie verlegen,
Feler gibt es keine mehr.
Mai 2019
Dark Light
Clear and simple, yet disturbing,
humanness reveals itself—
not as Snow White’s blissful ending,
nor an unlined palish elf.
Fighting on through endless ages:
„Please,“ another crumb of bread.
„Please have mercy,“ cry the sages—
God himself bows down his head.
Murder, rape, and children crying
pave the roads of mother earth.
Shallow hearts keep justifying:
“Wasn’t me! For what it’s worth.”
Wake up, sleepers—hunters’ reason:
dreams are battles without end.
Drama – still the choice of reason,
no one dares the happy end.
Lost the fight to prim politeness,
lost the next one just the same.
Smiled through silence, cold self-righteous,
till it swallowed up my name.
Take a breath, deep, graceful being.
Take a breath. Sit down. Just rest.
Fevered faces, blind, unseeing
always eager to protest.
Life is not a fight for proving,
not the devil’s eager chase.
Even Faust, in final breathing,
dropped his power—chose embrace.
Stop the chase for destination.
Every wrong becomes the right.
Life is ease, and desperation—
I am darkness. I am light.
Mai 2019
Over the top
The anger about something moves mountains inside.
The rage wants you desperate, consumed by the tide.
As childishness whines, “Why the hell always me?” –
The answer is simple: “’Cause you lost dignity.”
But stubbornness blooms through screaming aloud:
“I want validation, and love from the crowd!”
While lost among many, the many insist:
“The great and the good are born to persist.”
The crazies go crazy, all over again,
Still choosing the light, still fighting the pain.
Go fight against darkness, go fight Uncle Sam,
Go fight and defeat – this dark thing – that I am.
Mai 2019
Per favore un caffè...
Seduto, spesso in fretta,
a volte in piedi, cioè
la vita imperfetta –
è giusto il tempo di un caffè.
Caffè! Caffè ristretto,
lungo. Caffè schiumato.
Caffè freddo o corretto,
oppure – decaffeinato.
Caffè doppio, salentino,
caldo. Caffè macchiato.
Caffè latte, Cappuccino…
scelto, preso e amato.
Ormai contento e leggero
il tempo giusto si cancella.
Caffè amaro, sempre nero,
spiega – che la vita è bella.
